Geschichten an der Elbe

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Alma und Berta

Ein alteingesessener Werbener erzählt immer mal Anekdoten über die Schiffer aus Werben.

„Da die Elbe um Werben einen fast rechtwinkligen Knick macht , war es bei den weiblichen Angehörigen der Schiffer Sitte mit dem Ruderboot am Beginn der Biegung Ihre Männer zu besuchen, sich bis zum Ende des Knicks mitnehmen zu lassen und sie dann wieder mit dem Boot zu verlassen. So auch Alma und Berta. Als sie nun die Strickleiter nach oben stiegen, schaute Berta hoch und Alma direkt unter den damals sehr weiten Rock. „Du hast ja keinen Schlüpfer an !“ stellte sie konsterniert fest. „Wenn Du zum Friseur gehst, behältst du den Hut auf ?“ war die einzige Antwort.“

 

Die Werbener Fähre

Da gab es einst einen Fährmann, sein Spitzname war Pongo, ein aktiver Alkoholvernichter. Wenn er mal einen über den Durst getrunken hatte legte er sich in die Fährkajüte und schlief den Schlaf des gerechten. Damals war die Havel hinter dem Mitteldeich ein begehrtes Anglerparadies. Wir jungen Hüpfer fuhren öfter mal einen halben Tag hinüber zum Angeln. Einmal kamen wir an und Pongo schlief, d.h. er war nicht ansprechbar. Nach langem hin und her knurrte er uns an : „Fahrt doch selber, ihr wißt doch wie es geht!“- Und wir wußten es, denn oft genug hatten wir mit übergesetzt und ihm auf die Finger gesehen und auch mal die Kurbel bedient. Ich weiß nicht ob er sich später gewundert hat wie er auf die andere Elbseite gelangt ist.

Aber ich habe auch gesehen wie er einmal durch seinen schnellen Einsatz einem Jungen der sich zu weit vorgewagt hatte und in Gefahr lief mit dem Fuß unter den Fährausleger zu geraten den Fuß rettete indem er die Fähre mit einer Brechstange abbremste, so daß der Fuß mit ein paar Schürfwunden davon kam.

Ein Vorgänger von Pongo war sein Vater, der ebenfalls zum Alkoholvernichtungstrupp gehörte. Bei Hochwasser, wenn die Fähre nicht fahren konnte wurde manchmal von Deich zu Deich ein Kahn eingesetzt. Ich war mit meiner Mutter und einer Bekannten nach Quitzöbel zum Blaubeernpflücken gefahren. Auf der Rücktour kamen wir an der Fährstelle am Mitteldeich mit unseren Fahrrädern an. Mit erschrecken stellten die beiden Frauen fest , das Pongos Vater auch ohne Kahn Schlagseite hatte. Aber was tun? Nun die Räder wurden verladen , wir stiegen ein – der Kahn hatte übrigens ein Segel aus Sackleinen- der Anker gelichtet und los ging der Segelturn . Und nun fielen Heinrich, so hieß Pongos Vater, die alten schönen Matrosenlieder aus seiner Jugend ein. Die Frauensleute kicherten, mir wurden die Ohren zugehalten und irgendwann kamen wir am Deich in Werben an.

Es heißt kurzzeitig war die ganze männliche Familie Pongos gleichzeitig im Knast. Der Vater wegen illegalen Waffenbesitz und Wilddieberei, Pongo wegen asozialem Verhalten und der Sohn wegen Körperverletzung im Alkoholrausch. Aber eigentlich waren alles verträgliche , hilfsbereite Leute , wenn sie nüchtern waren.

 

Die Fähre in Räbel

Räbel ist ein klitzekleiner idyllisch gelegener Ortsteil von Werben und hat jetzt die Werbener Fähre da man dort in Richtung Havelberg übersetzen kann. Zu DDR – Zeiten als man noch alles brauchte und aufhob, fischte der Fährmann einen Marmeladeneimer aus dem Strom. Eine zufällig anwesende Frau fragte: “Da schwimmt wohl so allerhand in der Elbe?“ „Aber ja doch“ , war die Anwort, „unlängst habe ich einen Kachelofen rausgezogen , und da war noch Glut drin!“ Die Frau hat kein Wort mehr gesagt.

 

Unsere „Brüder“ die „Russen“

Da Werben den letzten großen Krieg mitverloren hatte, durfte die Stadt und ihrer Umgebung als Manövergebiet für unsere Sowjetischen Waffenbrüder dienen. Im allgemeinen hieß es immer nur „Die Russen“ sind mal wieder da. Als Jungs sind wir immer mit dem Fahrrad zu ihnen auf Paaschen Werder hingefahren, denn man konnte ja so allerhand abstauben(von Patronenhülsen, Abzeichen (snatschkie) bis Zigaretten der Marke Ochotnitschnui oder Papyrossy ). Allerdings hatten die Sowjetsoldaten einen Nachholbedarf im Fahrradfahren und wenn man eins unabgeschlossen stehen ließ, machten sie ihre meist unbeholfenen ersten Fahrversuche. Ich kann mich nicht erinnern, daß sie ein Fahrrad requiriert hätten , aber einige hatten doch bleibende Merkmale von Stürzen.

Aber auch mit Ihrer Technik hatten sie so einige Probleme. Die Stadt hat deswegen einige Blessuren davongetragen. Durch das Elbtor ,Werben`s Aushängeschild, fuhren die Waffenbrüder mit ihren Schwimmpanzern, als ob Tilly wieder vor der Stadt liegen würde und einen Angriff startete. Dabei wurden so einige Steine aus dem Mauerwerk herausgebrochen.

Bei einem Schulkameraden schaute das Kanonenrohr eines Panzers in die gute Stube. Und vor dem „Deutschen Haus“ war ein Loch in der Straße in dem hätte man ohne weiteres, einen Wartburg, ohne Spuren zu hinterlassen, verschwinden lassen können. Von kaputten Gartenzäunen und Aland- oder Wässrungbrücken zu berichten wäre eine „Unendliche Geschichte“. Allerdings wurden diese schnell wieder repariert..

Im Großen und Ganzen hatte man sich an die „Russen“ gewöhnt. Allerdings wenn sie anfingen Pontonbrücken zu bauen und sich auf dem Werder eingruben , dann war es mit der Ruhe vorbei. Da gingen Sprengladungen hoch und es wurde rumgeballert, daß sich der heutige Werbener Schützenverein bei seinen Schießübungen nur wie eine Zündplättchenladung anhört. Von den nicht hochgegangenen Sprengladungen der „Freunde“ war unter den Jugendlichen Werben‘s jede Menge TNT und auch Zünder im Umlauf.

Ich erinnere mich an einen Winter als die Elbe stand und man über das Eis gehen konnte, kamen auf dem Mitteldeich Pontonfahrzeuge zum Brückenbau an. Da man aber freies Wasser brauchte begannen die Muschkoten mit speziellen Eissägen eine Gasse ins Eis zu sägen. Dabei wurde das Eis an drei Seiten freigeschnitten und dann durften einige Soldaten auf der Eiszunge im Takt hüpfen bis sie abbrach und die armen Schweine bis zum Bauch im Eiswasser der Elbe standen. Als dann die Brücke fertig war, brach die Elbe auf und die Pontons mußten mit großer Mühe geborgen werden.

 

 Die Werbener Kleinbahn

Leider wurde sie im Jahre 1972 stillgelegt, aber viele Werbener erinnern sich an sie. Noch heute sagen viele wenn sie zur Gaststätte „An der Sporthalle“ gehen :„Ich geh zum Bahnhof.“

Ursprünglich war sie dafür gedacht Transporte von der Elbe (dem Buhnhaken) nach Goldbeck zu übernehmen und da speziell Zuckerrüben für die Zuckerfabrik. Natürlich gab es auch einen Personentransport der später die wichtigste Aufgabe der Bahn war. Das besondere an unserer Bahn war daß sie von den Werbenern liebevoll Philipp genannt wurde manchmal auch Bummel-Philipp. Aber das allerbesonderste war, daß sie einen operativen Fahrplan hatte. Sonntags fuhr die Bahn erst los, wenn das Fußballspiel auf dem nahegelegenen Sportplatz beendetet war und wenn es Verlängerung gab dann eben nach der Verlängerung und wenn noch jemand eine Fahrkarte am Schalter kaufen mußte, wurde auch darauf gewartet. Abends hielt der Zug in Iden solange bis der Schaffner beim Bäcker gewesen war und Brot gekauft hatte und beim Bäcker konnte es voll sein. Aber als Mitreisender konnte man nie in einen Geschwindigkeitsrausch verfallen, denn für die 20 Kilometer von Werben nach Goldbeck brauchte unser Philipp eine gute Stunde. Einmal habe ich selber erlebt wie Personennah damals der Personennahverkehr war. Meine Schwester hatte gerade geheiratet und sich zu lange von der Familie verabschiedet. Es kam wie es kommen mußte – das junge Paar auf dem Bahnsteig und der Zug schon raus. Aber der Lokführer hatte noch mal nach hinten geschaut und der Zug blieb stehen. Also machten sich unsere Verwandten auf den Weg hinterher. Aber vom Bahnhofsvorsteher kam der Hinweis :“Bleibt stehen der Zug kommt zurück.“ Und so geschah es.

Ein Vorteil unserer Kleinbahn bestand darin, das jeder jeden kannte. Man konnte also sicher sein, das man seinen Heimatbahnhof nicht verschlief. Das man am Ziel geweckt wurde, und das man in Goldbeck ruhig noch im Warmen sitzenbleiben konnte bis der Anschlußzug kam, wenn nötig wurde man vom Schaffner rechtzeitig geweckt.

Als dann die Bahn abgeschafft wurde , stand noch einige Zeit eine Draisine auf den Gleisen die mit Muskelkraft betrieben werden mußte. Es war zwar eine Wegfahrsperre auf den Schienen vor der Draisine , aber mit genügender Muskelkraft konnte man sie drüberheben, was des öfteren getan wurde. Die Jugendlichen fuhren bis nach Walsleben zum Tanz – d.h. hin ging ja noch, da waren noch alle nüchtern aber der Rückweg!

Als Besonderheit vom Bahnhof Goldbeck ist die Gastwirtschaft Dobberkau zu erwähnen. Wenn also die jüngeren Werbener frühmorgens so gegen 5 Uhr in Goldbeck ankamen und der Anschlußzug erst 1 bis 2 Stunden später ging, wurde der Wirt der Gastwirtschaft (für uns der Alte Dobberkau) rausgeklingelt. Ich habe ihn selber im Nachthemd und mit Nachtmütze erlebt. Der Alte Dobberkau schloß die Tür auf und sagte: „Heute früh ist Selbstbedienung ,wenn ihr rausgeht packt das Geld auf den Tresen.„ Meistens machte er noch einen von den Älteren Verantwortlich :“Du weißt doch wie man ein neues Faß Bier ansteckt oder?!“ ,und ging wieder ins Bett.

 

Unser Angelverein

Jedes Jahr führte die Ortsgruppe Werben eine Tanzveranstaltung mit allem Drum und Drann durch. Einmal kam Rudi mit einer Angel an der ein präparierter Hecht, der ein Lebendgewicht von gut drei Kilo gehabt haben dürfte, hing. Er zog da so seine Show ab, als Heinrich neben mir sagte: „Solche kleinen Hechte haben wir früher als Köderfische genommen!“ Also gab ich noch einen drauf: „Heinrich mein letzter Hecht , also ich hab ihn nicht gewogen, aber bei meinem Flurfenster da war die Scheibe kaputt. Da habe ich aus einer Schuppe eine ausgeschnitten und eingesetzt. Auf jeden Fall besser als Reliefglas!“

 

Ab und an bekamen wir Besuch von meiner Schwester aus Dresden – sie ihr Mann und 2 Kinder. Der Sohn ein Springinsfeld erster Güte, aber eine Vorliebe fürs Angeln die er auch heute noch hat. Eines Tages gingen wir ans Lange Loch um unser Glück zu versuchen. Um mit dem Drökel keine Probleme beim anmachen der Regenwürmer an den Haken zu kriegen hatte ich Angelteig vorbereitet. Jeder hatte seine Stippstange der Kleine eine Kleine und ich eine 4 Meter Rute. Ich weiß nicht wie, aber der Zufall oder Petrus als Schutzpatron aller Fischer wollten es so, mein kleiner Neffe schaffte es mit dem Teig einen mittleren Barsch zu fangen. Eigentlich ein Unding, denn der Barsch ist kein Vegetarier.

Jedenfalls war es sein erster selbstgefangener Fisch und kein Spanier hätte stolzer sein können.

Von weiten hatte ich unseren ehemaligen Vorsitzenden vom Angelverband kommen sehen.

Er war schon hoch in den Siebzigern aber sein Anglerlatein war immer noch sehr unterhaltsam. Und nun trafen die beiden aufeinander , ich stand angelnd hinter einem Busch und konnte das Gespräch der beiden gut verstehen. Der Alte spulte einwenig von seinem Anglerlatein ab um den 5-Jährigen zu beeindrucken. Als dann mein Neffe sagte: „Ich fange alle meine Barsche mit Teig“. Verschlug es dem Alten dann aber doch die Sprache und dabei hatte mein Neffe nicht einmal geschwindelt .

 

Schnellheilung

Als Werbener Bauer war Herbert schon ein Unikum, der da und dort so seine Späße machte. Wenn er einen über den Durst getrunken hatte sprach er von :“Bild- und Tonstörung“. Als einmal ebensolcheine Störung aufgetreten war und der Haussegen schief hing. Ließ er unsern allseits geachteten Obermedizinalrat Dr. Kahler kommen. Aber kaum war der Doktor auf dem Hof angekommen lief Ihm Herberts Frau über den Weg. „Herr Doktor was wollen Sie denn hier?“. Und bevor er antworten konnte, kam Herberts Stimme aus einer Ecke: „Nun ist alles wieder in Ordnung Herr Doktor, ich hatte mir schon Sorgen gemacht , daß meine Frau nicht mehr sehen und reden könnte!“ Und anstandslos hat er die 50 Mark für die Konsultation bezahlt.

 

Der Eintrag

Wenn in Werben ein Schwein aus einem privaten Haushalt plötzlich und unerwartet zu Wurst und Schinken konvertierte, blieb normalerweise das Ringelschwänzchen übrig. Eine Sicherheitsnadel duchgepiekst und schon war alternativ-biologischer Modeschmuck fertig. Wir Kinder konnten uns riesig freuen wenn ein Erwachsener mit unserer Hilfe diesen Modeschmuck ungewollt durch die Stadt trug. Natürlich wurden auch Lehrer gern als Anzeiger, daß ein Schwein gestorben war, benutzt. Dank unseres damaligen Direktors stand dann im Klassenbuch :“Er hat versucht einer schwangeren Lehrerin einen Schweineschwanz anzuhängen!“. Zu meiner Ehrenrettung : woher sollte ich wissen, das sie schwanger war und wieso stand da versucht?

 

Feldbau in der LPG

Nach geglückter Vollkollektivierung der Landwirtschaft gab es Unmassen von Arbeitsplätzen in den beiden LPG-en (Typ 1 „Elbwinkel“ und Typ 3 „Rosa Luxemburg“) und besonders viel im Feldbau. Meine Mutter wurde Mitglied bei „Elbwinkel“ und gleichzeitig Mitglied der Feldbaubrigade , die hauptsächlich aus Frauen bestand. Um die geforderten Arbeitseinheiten zu schaffen und somit rund 280 DM (ja damals gab es schon D-Mark in der DDR- ist später wieder in Vergessenheit geraten ) im Monat zu verdienen, ging es also jeden Vor- und Nachmittag auf den Acker. Aber wenn Frauensleute so untereinander sind , und die Tagesarbeit erledigt war wurde es am Feldrain gemütlich. Da wurde schon mal der Geburtstag und ähnliche Feierlichkeiten mit einem Likörchen begangen. Nachdem sich bei so einem Beisammensein die Brigade im Kollektiv übergeben hatte, hatten alle die Erfahrung gemacht, daß Hollunderbeeren giftig sein können, wenn sie noch nicht ganz reif, für das Ansetzen von Likör genommen werden. Jedenfalls war Mama zwei Tage nicht vernünftig ansprechbar und auch die allgemeinen Feierlichkeiten wurden zurückgefahren.

Aber es gab noch andere Erfahrungen zu machen. Wenn da jemand ein medizinisches Problem hatte (Kopf- ,Magen- oder sonstige Schmerzen) wurden einfach innerhalb der Brigade die Tabletten getauscht- frei nach dem Motto: „Versuch die mal , die haben mir auch geholfen!“ Auf jeden Fall wußte man , für den nächsten Arztbesuch Bescheid welches Medikament hilft. Man könnt glatt sagen die LPG hatte ihr eigenes Drogenproblem.

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